Ein Schlag ins Gesicht des Pflegefachpersonals

Ein Artikel in der Handelszeitung behauptet, Spitäler könnten gleiche Qualität auch mit 30 Prozent weniger Personal erbringen. Stellungnahme des SBK.

Ohne die Faktenlage zu überprüfen, wird in Medienberichten kolportiert, die Leistungen in den Spitälern könnten bei gleicher Qualität auch mit 20 bis 30 Prozent weniger Personal aufrechterhalten werden. Derartige unseriöse Aussagen sind für den Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK ein Schlag ins Gesicht der Berufsangehörigen, die schon heute unter einer extremen Arbeitsbelastung leiden, und eine Gefahr für die Patienten.

Der SBK hält in diesem Zusammenhang mit Nachdruck fest:

  • Gerade in der Pflege werden seit Jahren Prozesse optimiert. Es besteht kein Spielraum mehr. Anfragen von Mitgliedern des SBK als auch unsere Rechtsberatungen zeigen das deutlich.
  • Vor dem Hintergrund des Personalmangels, der nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass Pflegefachpersonal aufgrund des zu grossen Arbeitsbelastung bereits nach 10 bis 15 Jahren den Beruf verlässt, gefährden derartige Aussagen die Versorgung der Bevölkerung mit guter Pflege.
  • Einsparungen beim Pflegepersonal sind tödlich: Mit jedem Patienten, den eine Pflegefachperson zusätzlich betreuen muss, steigt das Sterblichkeitsrisiko um 7 bis 10 Prozent. Zudem steigt das Infektionsrisiko für die Patienten (Links zu den entsprechenden Studien finden Sie am Schluss dieser Medienmitteilung).
  • Dienstleistungen, die sich auf Menschen beziehen, können nicht beliebig rationalisiert werden. Wunden brauchen Zeit um zu heilen und es braucht Zeit, gerade mit alten Menschen, um sie zu pflegen und zu informieren. Pflegende können nicht drei Mal schneller Essen eingeben. Es ist an der  kranken Person die Geschwindigkeit vorzugeben. Alles andere ist ein Übergriff und eine Verletzung der Autonomie der Person.
  • Das als Vergleichsbeispiel hinzugezogene deutsche Gesundheitssystem hat seit der Einführung der DRG 2003 massive Qualitätseinbussen erlitten, in den Spitälern herrscht massiver Pflegenotstand und Berufsangehörige kehren der Pflege massenweise den Rücken.  Für den SBK ist es absolut unzulässig, dass die Qualität des Schweizer Gesundheitswesens damit gefährdet wird, dass man sich am unteren Ende der Skala orientiert, nur  um möglichst „knackige“ Zahlen präsentieren zu können (Links unten)

Zu der im Artikel ebenfalls erwähnten PwC-Studie hat SBK-Geschäftsführerin Yvonne Ribi gegenüber der SDA am 20. August 2013 folgendermassen Stellung genommen:

„Die Studie bestätigt unseren Eindruck, dass – wie die höheren EBITDA Margen zeigen –  das Personal zunehmend ausgepresst wird. In Mitgliederberatungen ist dieser zunehmende Druck ein Dauerthema. Der SBK unterstützt bauliche Massnahmen zur Erleichterungen der pflegerischen Arbeit, fordert jedoch einen engen Einbezug der Pflegefachpersonen in die Planung. Es ist aber klar, dass bauliche Investitionen kein gut qualifiziertes Personal ersetzen. Aus diesem Grund stehen wir einer Abnahme des relativen Personalaufwandes äusserst skeptisch gegenüber!

Die geringe Streuung des Personalaufwandes in den verschiedenen Institutionen zeigt auch, dass in keiner Institution überdurchschnittliches Einsparungspotential zu orten ist. Zudem sagt der Personalaufwand noch nichts aus über die Qualifikationen und Arbeitsbedingungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dazu wären detaillierte Studien und Analysen notwendig (RN4Cast, Begleitstudie Swiss DRG etc.)“

Abgesehen davon würden wir uns wünschen, dass Medienschaffende, welche sich mit der äusserst komplexen Materie der Gesundheits- und vor allem auch der Care-Ökonomie befassen, ExpertInnen zu Wort kommen lassen, die zumindest die wichtigsten Grundlagen kennen, etwa die Besonderheiten der personenbezogenen Dienstleistungen.

Weitere Informationen:

Studien zum Zusammenhang zwischen Pflegepersonalbesetzung und Patientensicherheit sind zahlreich. Die wichtigsten:

  • Zum Zusammenhang Mortalität und Pflegefachpersonal-Besetzung erschien 2002 die erste wichtige Studie von Linda Aiken, die nachgewiesen hat, dass pro Patient, den eine Pflegefachperson mehr zu betreuen hat, die Sterblichkeit um 7% steigt:
    Aiken, L.H., Clarke, S. P., Sloane, D. M., Sochalski,J.,&Silber, J. H. (2002). Hospital nurse staffing and patient mortality, nurse burnout, and job dissatisfaction. JAMA, 288, 1987‐1993 http://www.nursing.upenn.edu/media/Californialegislation/Documents/Linda%20Aiken%20in%20the%20News%20PDFs/jama.pdf
  • Die Resultate von Aiken werden durch Zahlen der RN4Cast-Studie bestätigt, wobei die Prozentzahlen bis zu 10% reichen http://www.rn4cast.eu/attachments/ISQua%20RN4CAST%20Aiken%20finalrev.pdf)
  • RN4Cast (Nurse Forecasting in Europe)  ist die weltweit grösste Pflegepersonalstudie, und hat sich zum Ziel gesetzt, nationale und internationale Prognosen zum zukünftigen Pflegepersonalbedarf auf der Basis traditioneller Prognosemodelle mit Faktoren zu Patientensicherheit und Pflegequalität zu verfeinern.
  • Die Zahlen sind noch nicht abschliessend ausgewertet. Vorläufige Resultate wurden unter anderem an der internationalen RN4Cast-Konferenz in Basel am 14.9.2012 vorgestellt und sind auf der Webseite veröffentlicht: www.rn4cast.eu
  • Zudem wurden erste Ergebnisse wurden im British Journal of Medicine im Herbst veröffentlicht: Patient safety, satisfaction, and quality of hospital care: cross sectional surveys of nurses and patients in 12 countries in Europe and the United States (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3308724/
  • Zusammenhang zwischen Burnout bei Pflegefachpersonal und Spitalinfektionen: http://www.ajicjournal.org/article/S0196-6553(12)00709-2/abstract

Zur Situation in Deutschland:

http://mobil.stern.de/politik/deutschland/eine-krankenschwester-berichtet-mein-alltag-im-wahnsinn-640172.html?mobil=1

Das Ende der Schweigepflicht im Zeit-Magazin vom 15. Mai 2012: http://www.zeit.de/2012/21/Klinik-Gesundheitsreform

Zahlen für die Schweiz:

Die RN4Cast-Zahlen für die Schweiz sind noch nicht fertig ausgewertet. Die Rich-Nursing-Studie, die allerdings nicht mit den gleichen Parametern arbeitet, bestätigt aber die Gefahr, die für PatientInnen besteht, wenn eine Klinik mit wenig Pflegepersonal arbeitet:
Associations between rationing and mortality_Schubert_IJQHC_201

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